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Ein Schwelgen in Farben und Genüssen, eine perfekt gelungene Mischung zwischen Natur & Zivilisation

rada_04.jpgDie pontinische Insel hat unsere Vorstellungen weit übertroffen und uns für sich gewonnen 

Von Sylvia Pastres 

Aus der Zeitschrift Vivere-magazine (Ausgabe 04/05) - Weitere Informationen unter: www.viveremagazine.net 

Ernesto sitzt gelassen in der Bar, er trinkt seinen Kaffee in kleinen Schlucken und voller Genuss. In seinen hellblauen Augen spiegelt sich das Blau des Himmels und des Meeres wider. Das helle T-Shirt hebt seine Bräune noch hervor. Nach dem caffè trinkt er ein Glas Wasser. Der alte Mann schaut zum Hafen und träumt dabei von „seiner“ kleinen Insel Palmarola. Das Treiben Ponzas, der „Hauptstadt“ der Isole Ponziane oder Pontine (Pontinischen Inseln), scheint ihm fast zu viel zu sein. Deswegen gönnt er sich mehrere Monate im Jahr die ungetrüb­te und für viele unter uns fast beunruhi­gende Ruhe der winzigen Insel.

Liebe auf den ersten Blick 

Der kleine und pittoreske Hafen Ponzas kommt mir bekannt vor, als hätte ich mein Leben lang hier verweilt. Liegt es vielleicht an der Gemütlichkeit, wel­che die in typisch mediterranem Stil gebauten, bunten Häuser ausstrahlen? Vielleicht auch an der Gelassenheit der ponzesi? Oder an dem leichten Wind, der mich erfrischt? Ich weiß es noch nicht, aber ich spüre, wie diese Insel die Menschen gleich zu sich hinzieht. Sie ist ganz einfach einladend. Auf mich wartet der kleine Hotelwagen, ein paar andere Hotelgäste steigen mit ein, und gleich fängt das Abenteuer an. Ich frage mich noch heute, wie der Fahrer uns durch die sehr schmale Hafenstraße, die keine Einbahnstraße ist, gesund zum Hotel bringen konnte? Geschickt und mit unendlicher Geduld schaffte er es, uns durch das Gewühl von Leuten, Motorrädern, kleinen Autos und Fischernetzen zu lotsen. Vor dem Hotel ist das Panorama über­wältigend, und ich brauche mich nicht mehr zu fragen, warum Ponza als eine der schönsten Inseln im Mittelmeer undüberhaupt auf der Welt gilt, oder warumso viele Prominente und Mitglieder von Königshäusern jeden Sommer wieder hierher kommen. Das türkisfarbene Wasser, das weiße Kliff und die vor sich hinschaukelnden Boote an der Bucht Chiaia di Luna bilden ein perfektes Postkartenpanorama, das um so perfekterist, weil es wirklich ist. Ehrlich gesagt möchte ich auch unten am Strand in derSonne liegen – einem Strand, der vonApril bis September den Badenden allenKomforts bietet.  

Ursprüngliches Flair

Ponza ist keine von Touristen überflute­te Insel, wie andere im Mittelmeerraum. Zu den knapp 3.000 Einwohnern kom­men an den Hochsommertagen im August 10.000 – 30.000 Gäste, wenn man auch die Leute auf den Booten mitrechnet. Die Insel liegt etwa 22 Seemei-len vom Festland (Lazio) entfernt und gehört zum Archipel der Isole Ponziane, der in zwei Inselgruppen unterteilt ist: die nordwestliche Gruppe (dazu gehörenPonza, Gavi, Palmarola und Zannone) und die südöstliche, die aus den Inseln Ventotene und Santo Stefano besteht. Auf Ponza ist die Landschaft noch sehrursprünglich, und auf diese Originalität – wie mir der sehr dynamische Tourismus-referent Maurizio Musella, ein ponzese DOC, erklärt – achtet man schon seit langem, indem man beispielsweise ver­sucht, die Anzahl der Privatautos in der Sommersaison so weit wie möglich zu begrenzen. Appartements und Hotels sind sehr diskret verstreut und passen sich immer dem architektonischen Stil der alten Bauten an, so dass das medi­terrane Flair noch intakt aus allen Ecken strömt. Die Rundfahrt um die Insel mit einem Boot ist schon geplant: Das Wetter ist fabelhaft, und es ist keine Wolke am Himmel. Zwei andere Journalisten stei­gen zu mir ins Boot, das sanft Richtung Punta Madonna aus dem Hafen gleitet.

Paradies für Taucher

Gleich nachdem wir den Hafen verlassenhaben, entdecken wir die faszinierende Grotta di Pilato, die von den Römern in den weichen Tuffstein gegraben wurde. Wenige Minuten später schaukeln wir vor der Bucht Parata degli Scotti. Wir sind begeistert: Das Wasser ist überall unbeschreiblich klar und schillert in denverschiedensten Nuancen von Türkis-Grün über Hellblau bis zu tiefem Blau, die selbst ein Maler nur schwer wieder­geben könnte. Dieses an Fisch sehr reiche Meer ist wie zugeschnitten für Taucher: Sie reprä­sentieren immerhin 50% der Touristen, die hierher kommen, und ihnen bietet sich ein vielfältiges Angebot sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene. An jeder Stelle der Küste öffnet sich eineneue Grotte. Giovanni, unser Steuer-mann, kennt sich perfekt aus und be-schreibt uns die Küste mit ihren Grottenmit ansteckender Begeisterung. Bei denFaraglioni del Calzone Muto geben wir einem Boot mit Touristen Vorfahrt: AmHafen werden täglich Rundfahrten umdie Insel von der Cooperativa dei Barcaioli Ponzesi angeboten. Bei Punta della Guardia erzählt uns Giovanni dann, dass in der Nähe die Meerestiefe fast 3.500 Meter erreicht: der tiefstePunkt im Mittelmeerraum.
Jetzt ist es aber höchste Zeit, weiter nach Palmarola zu fahren, deswegen gibt Giovanni Gas, und die sieben Seemeilen, die diese „unbewohnte“ Insel von Ponza trennen, sind schnell zurückgelegt. Die Natur auf der kleinen Insel ist typisch mediterran: An den steilen Felsen wächst die palma nana – die einzige autochthone Palme –, und im Frühling, sagt Giovanni, sind die Hänge wie mit einem gelben Mantel bedeckt, denn dann herrscht der Ginster in seiner ganzen Blütenpracht.
An der Punta di Mezzogiorno halten wir kurz an und bewundern ein groß­artiges Schauspiel: die Faraglioni di Mezzogiorno (Felsenklippen). Jetzt verstehe ich, warum Herr Musella und Giovanni mir erzählt hatten, dass viele Emigranten – die meisten aus den Vereinigten Staaten – jedes Jahr am 20. Juni zum Fest des Schutzpatrons San Silverio wieder nach Ponza kommen: Sie können von ihrer Insel, wegen ihrer atemberaubenden Schönheit, einfach nicht endgültig Abschied nehmen.

In der Natur leben

An einem hohen Felsen entdeckenwir Löcher, die wie Fenster aussehen. Giovanni erklärt uns, es sind wirklich die Fenster eines Grottenhauses, das Giulio il Pescatore gehört. In dieser „casa grot­ta“ wohnt er ab und zu – hören wir er-staunt – von der lauten Stille des Meeresund der Natur umgeben; ansonsten vermietet er Mofas am Hafen in Ponza. Wir fahren weiter an den Faraglioni von San Silverio vorbei, und gleich danach öffnet sich der natürliche Hafen „Cala del Porto“, wo schon ein paar Boote vor Anker liegen. An den Hängen erblickt man ein paar Sommerhäuser, unter denen auch das der Modestilistinnen Fendi ist. Auch hier gibt es „case grot­te“, die im Sommer gemietet werden können. Wir fahren um die Punta della Tramontana und auf der anderen Seite der Insel halten wir kurz an, um ein Bad zu nehmen und uns eine Erfrischung zu gönnen. Unsere „Mahlzeit“ besteht aus einem Glas Wasser, einem Stück pizza und focaccia und ein paar Kirschen und Aprikosen. Giovanni macht uns darauf aufmerksam, dass die Zeit unerbittlich vergeht, und es noch viel zu sehen gäbe. Wir fahren wieder Richtung Ponza und umschiffen diesmal die Insel bei den Faraglioni di Lucia Rosa. Kurz vor dem Strand von Frontone halten wir noch einmal an: Ein paar von uns möchten gerne noch einen Nachschlag von die­sem unvergesslichen Meer bekommen. Gegen 16 Uhr landen wir endlich wieder am Hafen.

Atemberaubende Ausblicke

Um die Insel richtig zu genießen, mussman auch ihr Hinterland besichtigen undsie von oben bewundern. Signor Musella begleitet uns auf eine Ent-deckungstour in die Insel. Sein salopper Fahrstil überrascht uns nicht, wir sind schon daran gewöhnt. Auf einem sehr steilen, ungeteerten Weg fahren wir zumMuseo Etnologico (ethnologischem Museum) an der Cala Frontone. In einer „casagrotta“ hat Gerardo Mazzella sämtlichetraditionelle Utensilien seines Großva-ters Agostino, Axtmeister und Schmied, und anderer ponzesi gesammelt. Unten erstreckt sich gelassen der Strand von Frontone. Unter einer Pergola neben demMuseum verkosten wir eine zuppa di lenticchie (Linsensuppe) und eine zuppadi cicerchie (Platterbsensuppe) mit einemGlas des Weißweins Biancolella – diese Traube wird hier fast von jeder Familie angebaut. Donna Vincenzina zeigt uns vor ihrer Haustür eine Winde, mit der nonno Agostino sogar sein Boot nach oben zog, denn damals gab es keinen anderen Weg herauf. Wir verabschieden uns und fahren weiterRichtung Cala Fonte. Die Sonne berührt jetzt fast den Horizont, und von der Terrasse des Restaurants „Cala Fonte“ erlebenwir eine Explosion der Farben. Die Atmos-phäre ist hinreißend. Wir probieren einpaar rohe krebsrote Hummer und müs­sen schon wieder weg, Richtung Hotel. Nach einer erfrischenden Dusche laufeich bis zur piazza Carlo Pisacane. Verab-redet sind wir am Restaurant „Acqua Pazza“. Die Gassen des Zentrums sind inzwischen sehr belebt geworden. Um 22 Uhr fangen wir endlich mit köstlichenantipasti unser Abendessen an. Wir genießen jedes einzelne Gericht, das der Koch für uns gezaubert hat, und wirnehmen uns Zeit – die Nacht hat erst angefangen. In zwei Tagen werde ich erst abfahren, aber ich weiß schon jetzt, dass Ponza einen besonderen Platz in meinem Herzen gefunden hat.
 
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